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Neutronenbombe auf Karlsruhe Helge and the Firefuckers am 21.07.99 live im Tollhaus (von Oliver Krämer)
Was ich bei Helge immer bewundert habe, ist seine Faehigkeit sich
weiterzuentwickeln, immer neue Dinge auszuprobieren und sein Publikum nie
zu langweilen. Man kann foermlich zuschauen, wie sich bestimmte Richtungen
und Ideen veraendern und dann herausschaelen. Dies war auch mit der
Rock-Nummer so, die Helge ja schon bei vorhergehenden Tourneen eingestreut
hatte, die dann bei der Eiersalat-Lesungstour den musikalischen
Hintergrund bildete und nunmehr eine eigene Rock-Tournee ausmacht. Anfangs
war ich skeptisch, da ich Helge als Jazzer, Sprachakrobat und
Geschichtenerzaehler bevorzuge, aber die neue CD hat mich dann doch
ueberzeugt, denn der Boss bleibt sich trotz neuer musikalischer
Ausrichtung treu und interpretiert Rock-Klassiker auf seine ureigenste
Art.
Vor dem Konzert hatte man durch diverse TV-Auftritte (allen voran
natuerlich bei VIVA Overdrive) schon einen Vorgeschmack bekommen, aber das
Live-Event ist natuerlich durch nichts zu ersetzen. Die Show in Karlsruhe
fand im Rahmen des "Zeltivals" im Tollhaus statt. Vor Einlass ins
eigentliche Zelt konnte man Helge noch etwas beim letzten Soundcheck ueber
die Schulter schauen, dann fuellte sich das Zelt mit insgesamt ca. 400
Leuten, waehrend Erwin noch die letzten Kabel verklebte. Ich stand
natuerlich in der ersten Reihe Mitte, um alles aus naechster Naehe
mitzubekommen. Die Musiker betraten unter grossem Applaus die Buehne und
legten schon mal los, bis dann auch Helge langsamen Schrittes auftauchte.
Sein Outfit ist schon bemerkenswert und farblich sehr aufeinander
abgestimmt mit dem gelben Pollunder, der Goldkette, den braunen
Leder-Slippers, der blauen Adidas-Hose und der viel zu grossen
Sonnenbrille. Nach dem Opening die erste Ansage, gefolgt von We Are The
Firefuckers, sozusagen die Erkennungsmelodie. Im Laufe des Abends sollte
die Truppe eine Vielzahl an Titeln spielen, was mich positiv ueberrascht
hat, denn es waren neben den Hits der neuen CD auch Klapperstrauss, Ich
drueck die Maus, der Rentensong, Ich geh in die Disco, Die Herren
Politiker, House of the Rising Sun, Katzeklo und zum Finale Telefonmann
dabei.
Die Band hatte einen satten und klaren Sound, die Musiker waren
gut aufeinander abgestimmt und konnten durch diverse Solata auf sich
aufmerksam machen. Eric Saint-Laurent aus Kanada rockte ziemlich ab mit
seinem Mark-Knopfler-Stirnband, den Reitstiefeln und der viereckigen
Hai-Gitarre. Der Bassist Tommy Jordy aus der Schweiz trug ein
Hundehalsband und war etwas zurueckhaltender, aber nicht minder gut. Zak
Domino mit Netzstrumpfhose ging sowieso ab hinter seinem riesigen gelben
Maserati-Schlagzeug und hatte sichtlich seinen Spass. Der 72-jaehrige
Gleithmann, der Helges alten hellblauen Einteiler auftragen musste,
brillierte als Taenzer und Bass-Saxophonist, musste dem Meister aber auch
Tee bringen und einige Songs durch pantomimische Hoechstleistungen
ergaenzen, so z.B. Luftschlangen, Politiker-Gesten, Geklappere mit
Straussen-Schnabel, Teufelshoerner auftragen oder Stricken. Die neue
Background-Saengerin und Taenzerin X, wie Helge sie der Einfachheit halber
nannte, fegte in seinem alten Konfirmationsanzug dynamisch ueber die
Buehne, gab gewagte Choreographien zum Besten und unterstuetzte den Boss
auch durch Gesang. Ich fand sie uebrigens sehr gut, den Wegfall von
Natalie kann man verkraften.
Helge war in hervorragender Stimmung, da auch das Publikun gut drauf war,
keine niveaulosen Saeufer wie anscheinend bei so manch anderem Konzert.
Auf die wenigen Zwischenrufe reagierte Helge sofort, so antwortete er z.B.
auf die Frage "Wo ist Peter?" mit "Er ist tot. Er war alt. Er musste
gefaellt werden" oder nahm den Wunsch, House of the Rising Sun zu spielen,
direkt auf. Als ein BH mitten in einem Song auf die Buehne flog, hob er
ihn auf und integrierte es, flexibel und spontan wie wir ihn kennen,
gleich in den Song: "ein schwarzer BH, der Todes-BH, warum kommst Du zu
mir? Ich interessiere mich mehr fuer den Inhalt..." Die Nummer mit dem
defekten Mikro brachte er auch wieder, aber die ist so gut gemacht, dass
man sie oefters erleben kann und sollte. Natuerlich hat Helge auch was
ueber Karlsruhe, die "Kaiser- oder Koenigsstadt" erzaehlt. So kannte er
nur den Bahnhof und fragte, ob es ueberhaupt eine Fussgaengerzone gebe.
Nach Die Herren Politiker meinte er, man solle sich mal vorstellen, eine
Neutronenbombe wuerde auf Karlsruhe fallen, "dann waeren wir jetzt nicht
hier." Ausserdem wurde erklaert, dass Gleithmann im Auftrag von Christo
strickt ("damit wenigstens etwas mit -icken in Karlsruhe passiert"), um
die Stadt fuer die "am 11. August vorgesehene Sonnenfinsternis" abdecken
zu koennen. Sozialkritik stand auch auf dem Programm, und so zog sich die
Rententhematik (vielleicht aus aktuellem Anlass?) wie ein roter Faden
durch den Abend, u.a. natuerlich beim Postmannsong und spaeter beim
Katzeklo-Improvisationsteil. Ist das ueberhaupt gerecht, dass man hier so
ein teures Zelt aufbaut, waehrend die Oma, der 11,50 DM in der Woche zur
Verfuegung stehen, im Supermarkt kein Geld fuer ihr Lieblingsessen Scheba
hat?!
Helge hatte sichtlich Spass am Gitarre spielen. Bei Room To Room with the
Devil entbloesste er seinen Oberkoerper, liess die Haare ins Gesicht
haengen und schrie den Text ins Mikro, von dem man allerdings nicht
allzuviel verstand, aber bei so ner harten Nummer muss das wohl so sein.
Die gute alte Farfisa kam auch ab und zu zum Einsatz, so z.B. nach dem
Zuruf "Jazz" zu einem 20-sekuendigen Jazz-Intermezzo und natuerlich bei
Beside The Snake oder Whiter Shade of Pale. Bei Hey Joe sang Helge auf
Deutsch, musste dann aber am Ende zugeben, dass das sehr improvisiert war.
Um die Kritiker eines Besseren zu belehren, brachte Helge auch seinen
bekanntesten Hit Katzeklo, natuerlich auch zum Mitsingen und spaeter mit
neuem Text (den man allerdings teilweise auch schon von vorhergehenden
Tourneen kannte). Ich frage mich, ob ihm diese Nummer wirklich noch Spass
macht, oder ob er sie nur bringt, um manche Kritiker Luegen zu strafen.
Klapperstrauss und Ich drueck die Maus waren absolute Highlights, mit dem
Rock-Sound der Band kommen diese Nummern noch cooler rueber!
Zusammenfassend kann ich sagen, dass es auf alle Faelle ein unterhaltsamer
und kurzweiliger Abend war. Ich denke, dass ich trotz allem den Jazzer und
"Komiker" Helge bevorzuge, aber er meinte ja auch selber, dass man nicht
immer das gleiche machen kann, sonst wird es vielleicht noch langweilig.
Den Interview-Aeusserungen zufolge will Helge ja noch mehr Songs selbst
komponieren - mal sehen, was die naechste CD zu bieten hat. Aber erst mal
muss ja die aktuelle Scheibe noch in die Top 10! Ich bin auch gespannt,
wie sich der Improvisateur und Weiterentwickler Helge Schneider bei meinen
naechsten Konzerten in Rottweil und Essen praesentieren wird!
Gruesse an Stephan, Mechthild und Sabine (die leider nicht wie geplant in
Karlsruhe dabei sein konnte)! Natuerlich auch ein Guten Tach an Martin,
Andrea, Stoeff, Torsten, Bruno, Ulrich und Till!
Oliver Kraemer 7/99
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