"Im Cockpit des Instruments"

Helges Abschlusskonzert in seiner Heimatstadt am 11.6.98

Da ich durch mein Auslandsjahr in Kanada den Grossteil von Helges "Tee-Tour" verpasst hatte, ich aber auf keinen Fall auf diesen Genuss verzichten wollte, kam mir indirekt der Fan-Klap zu Hilfe. Auf einen Eintrag im Gaestebuch meldete sich Sabine aus Essen, mit der ich seitdem regelmaessig in E-mail-Kontakt stehe. Wir entschieden uns, zum Konzert in Muelheim zu gehen. Da es der Abschluss der Tour und zudem in Helges Heimatstadt war, versprachen wir uns ein absolutes Highlight.

Die Stadthalle in Muelheim ist ein alt-ehrwuerdiges Gebaeude, direkt an der Ruhr gelegen. Wir schauten uns erst mal um, und an der Rueckseite der Halle sahen wir auch schon Gleithmann zum Fenster rausschauen. Hier sollte also Helge im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr 98 auftreten, das am Tag zuvor eroeffnet worden war. Helge stach aus dem restlichen Programm schon etwas heraus, denn es traten hochkaraetige Groessen wie Herbie Hancock, Dave Brubeck, die Labeque-Schwestern und Peter Ustinov auf. Dementsprechend war auch das Publikum zusammengesetzt: eine Mischung aus "Hochkultur und Szene", wie die WAZ treffend schrieb. Es gab wohl einige, die ein Abo hatten und gar nicht genau wussten, was da wohl auf sie zukommen wuerde. So war auch schon im Programmheft zu lesen, dass dies der "sicher ueberraschendste Konzertabend dieses Sommers" werden wuerde...

Bodo kuendigte den Meister an, der dann unter tosendem Applaus die Buehne betrat. Helge spielte viel Neues, z.B. das Lied vom Huhn mit dem naheliegenden Namen "Kartoffelsalat Dachlatte die Sechzehnte", vorgetragen mit opernhaftem Gesang und wirklich virtuosem Klavierspiel auf dem nagelneuen Steinway-Fluegel, nachdem ja der alte zusammengebrochen war. Neu waren auch die Tanzeinlagen, die eine bisher nicht gekannte Intensitaet erreichten - wohl nicht zuletzt dadurch bedingt, dass Helge auf seine ueblichen Plateauschuhe zugunsten von normalen Tretern verzichtet hatte. In der ersten Haelfte tanzte er Probleme, z.B. ein Kind das lustlos im Schnitzel herumstochert. Dabei nutzte er in einer Parodie des Ausdruckstanzes den gesamten Buehnenraum und verausgabte sich bis zum Auessersten.

Um dem Namen der Tournee gerecht zu werden, liess Helge immer wieder seinen Lakaien Bodo kommen, der ihm frischen Tee servierte. Dies war auch jedesmal das Signal fuer Gleithmann, den Bodyguard, von seinem Sitzplatz hinter dem Fluegel aufzutauchen und dafuer zu sorgen, dass Bodo seinem Gebieter nicht zu nahe kam. Helge war in einer hervorragenden Stimmung, sehr spontan und originell. Wie immer erfand er manche Texte, waehrend er sang. Er fuehlte sich sichtlich wohl, hatte jede Menge Spass und liess sich viel Zeit. Eine ganze Palette an Instrumenten kam im Verlauf des Abends zum Einsatz, u.a. auch eine Panfloete. Beim Schlagzeugsolo wiederholte er die Idee von der Da-Humm-Tour, wo Bodo das Geraet vor dem drohenden Absturz von der Buehne bewahren muss. Der Wechsel vom Klavier zum Schlagzeug war sehr gekonnt, denn die Strecke ueberbrueckte Helge jeweils mit kurzen Steppeinlagen.

In der Pause ging ich nochmal um das Gebaude, und diesmal stand auch Helge rauchend am Fenster, spaeter sah ich dann noch Bodo. Das "gediegenere" Publikum besprach wohl die ersten Eindruecke... Zwei Herren in Anzuegen, die vor uns sassen, hatten sich die ganze Zeit nicht geruehrt und keine Miene verzogen. Helge bekam davon wohl kaum was mit, denn die Stimmung in der Halle war super. Ausserdem war es so dunkel, dass er meinte, "ich sehe euch zwar nicht, aber ich spuere, dass ihr da seid." Nach der Pause stand wieder eine Tanzeinlage an, diesmal wollte Helge die gesamte Evolution zum besten geben. Er begann mit dem Urknall, um dann einen grossen Sprung zur Fussball-WM 54 zu machen. Desweiteren tanzte er Autobahngebuehr, einen boesen Neffen Saddam Husseins und Teppichhaus Kiebeck. Spaeter benutzte er seinen Klavierstuhl mit Schafsfell (diesmal natuerlich von einer Giraffe) zu einer sportlichen Pferd-Uebung, die ca. eine Minute Konzentration und viel Anlauf erforderte.

Da Helge selbst wohl keinen Bock mehr hat, seinen groessten Erfolg zu singen, musste auch diesmal wieder Bodo bei "Katzeklo" herhalten. Helge spielte zunaechst am Klavier, Bodo sass am Buehnenrand und durfte sich nicht umdrehen. Dann setzte sich Helge mit seiner Mundharmonika zu Bodo und strapazierte dessen Geduld und Gesangskunst bis zum Letzten, indem er immer wieder den Refrain anstimmte, wobei Gesang und Begleitung sehr auseinandergingen. Es war ein besonderes Anliegen von Helge, fuer Bodo eine Frau zu finden, da ja die Tournee zu Ende ging und man ihn eigentlich direkt mitnehmen koennte. So mancher Gag wurde auf Bodos Kosten gerissen, der die Rolle der Opferfigur nach dem Wegfall von Peter Thoms uebernommen hatte. Den Trick mit dem defekten Mikro brachte Helge auch wieder in Vollendung. Die Zuschauer erfuhren auch, dass die Zecke das DDR-Haustier war. Helge hatte eine solche als Plueschtier dabei, die ihn dann auch noch anfiel, worauf er sie aber gekonnt herausdrehte und dementsprechend hart bestrafte, indem er auf verschiedene Weise auf ihr herumtrampelte. Danach tat es ihm dann doch leid, aber "wenn man sich entschuldigt, ist es nicht mehr so schlimm."

Helge brachte natuerlich "Allein an der Bar" und das "Mondscheinsonaten-Medley", das schon allein aufgrund der musikalischen Idee besticht. Als Beethoven musste Helge leider feststellen, dass man ihn wohl angeschmiert habe, weil das Klavier "Automatik" hatte. Helge experimentierte auch und zeigte eine Tendenz zur Minimalisierung: Er spielte einen Lauf, dann nur noch einen Ton, schliesslich trat er lediglich heftig in das Pedal, jedesmal von Applaus bedacht. Daraufhin meinte er treffend: "Irgendwann muss man gar nichts mehr machen, dann ist man nur bekannt." Dies scheint bei Helge tatsaechlich immer wieder zu funktionieren, denn das Publikum liegt ja schon vor Lachen auf dem Boden, wenn er nur die Buehne betritt.

Ein Highlight war auch die Elvis-Imitation, zu der er sich erst mal eine Tolle machen mussste. Bodo hielt die Noten, und Helge konnte loslegen. Hier merkte man auch wieder, dass eine solche Parodie nur funktionieren kann, wenn man es wirklich gesanglich und technisch drauf hat. Dies bringt Max Goldt auf den Punkt, wenn er meint: "Helge Schneider versetzt die Menschen in Wonne, indem er so tut, als wuerde er das, was er virtuos beherrscht, gar nicht richtig koennen." Helge erzaehlte, dass Elvis an einer Ueberdosis Koteletten gestorben war und zuletzt so dicke Oberschenkel hatte, dass er nicht mehr ohne Penatenpuder auskam... Der Abend ging langsam dem Ende entgegen. An einer Orgel imitierte Helge noch Stevie Wonders "I just called to say I love you". Als Zugabe sang er u.a. das Lied vom Meisenmann mit stark abgeaendertem Inhalt (die Meisenfrau wird vom Taubenmann von hinten...). Nach mehr als drei Stunden verabschiedete sich Helge von seinem Publikum. Ein unterhaltsamer und nie langweiliger Abend ging zu Ende, wobei es Helge gelungen war, auch ohne Verstaerkung durch eine Band seine Zuhoerer durch ein breites Spektrum an Unterhaltung zu begeistern. Es war mit Sicherheit eines meiner besten Helge-Konzerte, und die Bezeichnung "Tastengott" ist sicher angebracht, denn er ist nicht nur ein begnadeter Komiker und Sprachakrobat, sondern einfach auch ein hervorragender Pianist.

Danach warteten Sabine, Thomas und ich noch am Buehnenausgang auf Helge, der dann auch relativ schnell erschien. Wir machten ein Foto und liessen uns Autogramme geben. Er war sehr locker, entspannt und zugaenglich, fragte wo wir herkommen und lief ein Stueck mit uns. Ich lobte die Show, und Helge selbst war auch zufrieden mit diesem Konzert und der ganzen Tour, da er mit so tollen und lockeren Leuten unterwegs gewesen war. Auf die Frage nach einer neuen CD meinte er, sie haetten diesen Auftritt mal aufgenommen. Wer weiss, vielleicht taucht das eine oder andere Stueck mal auf einer CD auf?! Helge verabschiedete sich mit Handschlag bei jedem von uns und entschwand in seiner Limousine.

An dieser Stelle vielen herzlichen Dank an Sabine und Thomas fuer die tollen Tage in Essen und Muelheim!

Oliver Kraemer

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